Wiener Zeitung – Ein Spiegel der österreichischen Medienkultur
Bis zum Jahr 2023 war die Wiener Zeitung die älteste noch gedruckt erscheinende Tageszeitung der Welt. Sie spielt zweifellos eine große Rolle in der österreichischen Mediengeschichte. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Entwicklung und das Ende der ältesten Zeitung Österreichs.
Wie alles begann: Die Anfänge der Wiener
Zeitung
1703 gründete der gebürtige Frankfurter Johann Baptist Schönwetter in Wien das Blatt Wiennerisches Diarium.
Die erste Ausgabe vom 8. August 1703 umfasste Berichte aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben in der Habsburger Monarchie. Die Zeitung positionierte sich von ihrem ersten Tag an als objektiv und unabhängig. Sie erschien am Mittwoch und Samstag. In dieser Zeit machten Kriegsberichte (hauptsächlich über den Spanischen Erbfolgekrieg) den Großteil des Blattumfangs aus.
Das erste Redaktionslokal befand sich (bis 1721) im ehemaligen Haus „Zum roten Igel“ am Wiener Wildpretmarkt, der Druck erfolgte im Regensburger Hof am Lugeck.
1712 wurde der Name der Zeitung um ein „n“ verkürzt (Wienerisches Diarium).
1721 übernahm die Familie van Ghelen die Herausgabe des Wienerischen Diariums, nachdem Johann Peter van Ghelen (der Sohn des Herausgebers der italienischsprachigen Zeitung Coriere ordinario) das Privileg für das Blatt erworben hatte, da Johann Baptist Schönwetter sich weigerte, die kaiserliche Abgabe auf Zeitungen zu bezahlen. Dies markierte eine „neue Ära“ für das Blatt: Sein Erscheinungsbild änderte sich und die Werbung erhielt immer mehr Raum in der Zeitung.
1780, im Jahr des Beginns der Alleinregentschaft Kaiser Josephs II., wurde das Blatt auf Wiener Zeitung umbenannt.
Schon damals war sie das wichtigste Periodikum der Habsburger Monarchie und beeinflusste die öffentliche Meinung, indem sie trotz Zensur die Ideen der Aufklärung vermittelte. In der Ausgabe vom 9. September 1789 erschien die Übersetzung der Erklärung der Menschenrechte aus dem Französischen mit dem für damalige Verhältnisse unerhörten Satz:
„Alle Menschen sind frey geboren, und bleiben frey und gleich in Ansehung der Rechte (…).“
Auch die Napoleonischen Kriege hatten Einfluss
auf die Wiener Zeitung. Als Napoleon Bonaparte Wien in den Jahren 1805
und 1809 besetzte, brachte er einen eigenen Redakteur aus Paris mit. Die
Zeitung erschien nun erstmals täglich.
Dramatisch für die Wiener Zeitung war das Revolutionsjahr 1848. Die Redaktion präsentierte sich weltoffen und liberal.
Im Mai 1848 erschien erstmals eine Ausgabe ohne den kaiserlichen Adler, der seit 1708 auf dem Zeitungskopf geprangt war. Die Familie van Ghelen erwarb sich beim Hof einen schlechten Ruf, und im Jahr 1857 endete ihre Herausgeberschaft.
Am 17. Dezember desselben Jahres übernahm der Staat die Wiener Zeitung. Später diente sie bis zu ihrer Einstellung im Jahr 2023 als das amtliche Veröffentlichungsorgan der Republik Österreich und enthielt ein Amstblatt.
Seit 1995 gibt es auch eine Online-Ausgabe
der Wiener Zeitung.
Das Ende der Wiener Zeitung
Die Frage der weiteren Finanzierung der Wiener
Zeitung wurde erstmals während der
Bundesregierung Kurz I (Koalitionsregierung zwischen ÖVP und FPÖ; 2017–2019) gestellt.
Im Oktober 2022 präsentierte die neue
Bundesregierung unter Karl Nehammer (ÖVP und Grüne; 2021–2025) einen
Gesetzentwurf zur Zukunft der Wiener Zeitung zur Begutachtung. Dieser sah das Ende des Blatts in seiner
bisherigen Form und ein künftiges Erscheinen als reines Online-Medium vor.
Im April 2023 beschloss
der österreichische Nationalrat mit den Stimmen der Regierungsparteien die
Einstellung der Zeitung in ihrer gedruckten Form. Künftig soll der Fokus auf
der digitalen Ausgabe liegen; die Printversion dürfte nur noch zehnmal im Jahr
erscheinen.
Von den insgesamt 162 abgegeben Stimmen votierten 88 für
das von der Regierung vorgelegte Gesetz, 72 waren dagegen.
Der Standard schreibt:
„Mit Ende Juni ist die Wiener Zeitung in ihrer derzeitigen Form Geschichte. Am Freitag, dem 30. Juni, erscheint die letzte Ausgabe als Tageszeitung. Die gekündigte Redaktion verabschiedet sich auf der letzten Titelseite mit einer Abrechnung – sie erlebte in 320 Jahren zwölf Präsidenten, zehn Kaiser und zwei Republiken.“
Öffentliche Reaktion
Der Tod der Wiener Zeitung wurde in der
Gesellschaft zweifellos als dramatisch und negativ wahrgenommen. Oft wird er als
ein unwiederbringlicher Verlust für Österreich und seine Medienlandschaft
bezeichnet.
Der Chefredakteur der Wiener Zeitung, Thomas Seifert, sagte im Interview mit dem Standard:
„Stoizismus und
Stiff Upper Lip waren schon immer eine Stärke der Wiener Zeitung. All
das ändert nichts an der Tatsache, dass das Ende der Wiener Zeitung
einen medienpolitischen Vandalenakt kulturloser Barbaren darstellt.“
Bemerkenswert ist, dass die Einstellung des Zeitungsdrucks nicht nur Auswirkungen auf die österreichische Medienlandschaft, sondern auch auf das Leben der Menschen hatte, die daran gearbeitet haben.
Laut dem Standard verloren mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Job, drei Viertel der Redaktionsbelegschaft mussten gehen, darunter auch die redaktionelle Führung. Die Redaktion schrumpfte auf ca. 20 Personen.
Dieses Ereignis wurde auch Teil der
politischen Diskussion. Die damals regierende ÖVP und die Grünen wurden von den
Oppositionsparteien stark kritisiert.
„Gerade in Zeiten von Fake News ist seriöser Journalismus wichtig. Der türkis-grüne Zerstörungsakt bei der Wiener Zeitung ist eine medien- und kulturpolitische Schande. Während die Regierung dutzende Millionen Euro für Regierungspropaganda ausgibt, wurde der Wiener Zeitung die Finanzierung entzogen, und die Regierung hat keine Alternativen vorgelegt. (...) In Sonntagsreden sprechen ÖVP und Grüne von Qualitätsjournalismus, gleichzeitig killen sie eine Qualitätszeitung und damit auch dutzende Arbeitsplätze im Qualitätsjournalismus“, sagte SPÖ-Mediensprecher Jörg Leichtfried anlässlich der letzten Druckausgabe der Wiener Zeitung.
Auch NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter kritisierte die Entscheidung:
„Das
Ende der ältesten Zeitung der Welt ist ein Totalversagen dieser Regierung, denn
es wäre vermeidbar gewesen. (...) Wir Neos haben immer für einen Fortbestand der Wiener
Zeitung gekämpft, der die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler nicht zur
Kasse bittet. Die Bundesregierung war und ist an der Zukunft der Wiener
Zeitung hingegen nur soweit interessiert, als dass sie diese als
Feigenblatt für ganz andere Unternehmungen benötigt.“
Sie bezeichnete dieses
Ereignis zudem als „einen weiteren großen Schritt in Richtung Mediensystem à la
Orbán“.
SPÖ-Parteivorsitzender Andreas Babler versprach:
„Wenn wir wieder in Regierungsverantwortung sind, dann werden wir
jedenfalls Mittel und Wege suchen, um die Wiener Zeitung als gedruckte
Tageszeitung zurückzuholen.“
Interessant ist, dass nach der
Nationalratswahl 2024 sowohl die SPÖ als auch NEOS seit dem 3. März 2025 eine
neue Koalitionsregierung mit der ÖVP bilden. Doch es gibt immer noch keine
offiziellen Nachrichten über die Wiederaufnahme des Drucks der Wiener
Zeitung, trotz ständiger Forderungen prominenter Kulturschaffender.
https://www.derstandard.at/story/3000000176862/das-ist-die-letzte-wiener-zeitung
https://www.derstandard.at/story/3000000176056/todesursache-gleich
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Zeitung#
https://i.ds.at/deh37w/rs:fill:1600:0/plain/2023/04/29/WienerZeitungEnde.jpg









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